Entdeckungen

- Das Cover der Broschüre "Entdeckungen"
Ein Spaziergang durch Geschichte und Gegenwart der Schillerpromenade
"Die schönste Wohngegend Rixdorfs" nannte ein Hauswirt 1908 das Gebiet zwischen Tempelhofer Feld und Hermannstraße. Auf der Suche nach solventen Mietern warb er mit bequemer Verkehrsanbindung nach allen Richtungen, Wohnungen mit geräumiger Küche, Bad, eigenem Korridor und Klosett.
Das neue Viertel, geplant als bessere Wohngegend für zahlungskräftige Bürger, entstand zwischen 1890 und den frühen 1930er Jahren. An der Hermannstraße hatten sich bereits vor der Jahrhundertwende Vergnügungsetablissements wie die Kindl- und Viktoria-Festsäle angesiedelt, deren Theater, Tanzsäle und Biergärten Platz für viele Tausend Besucher boten.
Terraingesellschaften errichteten Musterhäuser, die Standards für die Bebauung der Parzellen vorgaben, zwei Schulen folgten und 1905 wurde die Genezareth-Kirche am Herrfurthplatz eingeweiht. Ein Bauboom begann.
Zwölf Geschichtspunkte im öffentlichen Stadtraum zeigen, wie es mit der Entwicklung in der Schillerpromenade weiterging. Sie beschreiben die Geschichte von Gebäuden und Plätzen oder erzählen von Menschen und Ereignissen.
Der Rundgang, Grundlage dieses Bildbandes, führt durch 100 Jahre Kiezgeschichte. Viele Gebäude sind bis heute erhalten, etwa die letzte Königlich- Preußische Baugewerkschule oder die Wohnanlage von Bruno Taut, einem der bedeutendsten Architekten der Moderne. Andere Orte, wie der Sportpark oder der größte Tanzpalast Rixdorfs, existieren dagegen nur noch auf Postkarten und in Erinnerungen.
Doch ein Viertel lebt nicht allein von Geschichte, sondern von den Menschen, die dort wohnen und arbeiten.
Einige von ihnen stellen sich in der Broschüre vor. In den Erzählungen der Händler, Künstler und Künstlerinnen, der Hausbesitzerin und der Mieterinnen, des Vogelzüchters oder des Predigers zeigen sich persönliche Ansichten und aktuelle Bilder von der Schillerpromenade. In ihren Augen erscheint der Kiez fast als paradiesische Insel in Berlin, auf der sich freilich noch einiges ändern könnte, wenn man bereit ist, etwas dafür zu tun.
Das Heft ist kostenlos im Vor-Ort-Büro der BSG (Quartiersmanagement Schillerpromenade) in der Schillerpromenade 10 erhältlich.

Tempelhofer Feld. Soldaten, Schafe und Düsenjets
Das
Tempelhofer dient seit 1722 als Exerzierplatz des Militärs, hundert Jahre später gehört
es zu den beliebtesten Ausflugsziele der Stadt. „Auf der „größten Liegewiese Berlins" werden
militärische Paraden, Sportfeste, Pferderennen und Attraktionen wie die Flugexperimente der Gebrüder Wright
geboten.
Ab 1923 befindet sich hier der Berliner Zentralflughafen. Das NS-Regime erweitert
ihn zum Weltflughafen, der vor allem militärischen Zwecken dienen soll.
Die Blockade 1948/49
macht den Flughafen weltberühmt. Alle drei Minuten landet ein „Rosinenbomber“, um die Bevölkerung
mit lebenswichtigen Gütern zu versorgen.
Mit der Eröffnung des Flughafens Tegel und der Verlagerung des
gesamten zivilen Luftverkehrs wird es vorübergehend ruhiger an der Schillerpromenade und man überlegt schon
damals, das Gelände anders zu nutzen. Während Anwohner sich über Lärmbelästigung und Kerosingestank beschweren,
genießen Reisende die innerstädtische Lage des Flughafens.
Solange der Großflughafen in Brandenburg
nicht gebaut wird, bleibt die Zukunft des Tempelhofer Feldes ungeklärt.
Konzept und Text von Claudia Rückert und Andrea
Szatmary, Hrgb.: BSG Quartiersmanagement Schillerpromenade, Schillerpromenade 10, 12049
Berlin

Das Schillerpalais, eine Keimzelle
Das Schillerpalais bietet Raum für Kultur und Kunst im Kiez, z.B. für Ausstellungen und Künstlersalons.
Sigrid Westenfelder und Nicole Hartmann gehören zu den Initiatorinnen. Sie wünschen sich das Schillerpalais als einen Ort, an dem Künstler gemeinsame oder individuelle Projekte entwickeln können. Zur Zeit liegt der Schwerpunkt auf der bildenden Kunst, aber es sollen sich in Zukunft auch andere Kunstformen präsentieren, die z.B. auch experimenteller Art sind.
Als Treffpunkt für Künstler und Kunstinteressierte braucht das Schillerpalais natürlich früher oder später ein nettes Café.
Schillerpalais, Schillerpromenade 4, 12049 Berlin, schillerpalais.de
Öffnungszeiten: Di+Mi 10-16, Do—Sa 14—19

Die Promenade. Flaniermeile im Arbeiterbezirk
Mit dem Bebauungsplan von
1890 entsteht ein neues Viertel mit großzügigem Straßenraster, aufgelockert durch den Herrfurthplatz und eine 50
Meter breite Hauptachse: die Schillerpromenade. Prächtige Fassaden, platanengesäumte Bürgersteige und eine
Promenade mit Parkbänken, Blumenrondells und englischem Rasen verleihen der Straße großbürgerliches Flair. In
den 20er Jahren werden im Zuge von Sozialreformen auch Kinderspielplätze angelegt.
Im Jahr 2000 ist die
Gegend heruntergekommen. Um das zu ändern erarbeiten eine Gruppe von Anwohnern und das Quartiersmanagement
Verbesserungsvorschläge und engagieren sich bei der Neugestaltung. Die Verantwortung für die grüne Mitte
liegt jedoch bei
allen.

Vögel verbinden
Herr Cevat Candemir ist Mitbegründer des
"Vereins der Türkischen Kanarienliebhaber" Seit 15 Jahren züchtet er Kanarienvögel, seit sechs Jahren in diesem
Laden. Tiere verkauft werden hier nicht.
Die Mitglieder treffen sich einmal im
Monat, manche kommen auch häufiger vorbei. Man trinkt dann Kaffee und unterhält sich. Es gibt auch deutsche und
arabische Mitglieder. Der Verein ist für alle offen.
"Die Vögel verbinden
verschiedenste Menschen. Ob Doktor, Rechtsanwalt oder Arbeitsloser - es ist völlig egal, denn alles dreht sich
um die Vögel......,hier im Verein glauben wir alle dasselbe: Der Kanarienvogel ist das Größte.
"

Viktoria-Festsäle. Kino, Theater und Tanzpaläste
Auf
dem Grundstück Hermannstraße 48/49 bieten Tanzlokale, Kaffeehäuser und Theaterbühnen ein umfangreiches
Unterhaltungsangebot. 1892 finden allein in den ViktoriaFestsälen, dem "größten Tanzpalast Rixdorfs", 1800
Gäste Platz. Zelthallen, Kegelbahnen, ein Orchesterpodium und der Sommergarten kommen später dazu. 1904 wird der
Garten geschlossen, um das Gewerbegebäude "Hermannshof" zu errichten.
Die Viktoria-Säle werden um 1900
zum Apollo-Theater umgebaut. Dort finden nicht nur Theateraufführungen und Konzerte, sondern auch
Arbeiterversammlungen und Vereinsfeste statt. 1914 eröffnet das Palast-Kino Stern. Zehn Jahre später wird das
Gebäude durch einen Brand zerstört und nach Entwürfen der Architekten Max Bischoff und Heinrich Möller wieder
aufgebaut. Das Kino kann jetzt doppelt so viele Zuschauer aufnehmen. Durch Bombenschäden im 2. Weltkrieg wird
das Gebäude erneut zerstört. Doch bereits 1946 kann man dort wieder Theaterstücke und Filme sehen.
In den
70er Jahren sinken die Zuschauerzahlen und das Kino wird geschlossen. Daraufhin zieht ein Supermarkt in das
Gebäude und seit Ende der 90er Jahre mietet eine Second-Hand-Kette die Räumlichkeiten. Vom Palast-Kino Stern
sind bis heute ein Teil der Bestuhlung, der Vorführraum und die Originaldecke
erhalten.

Brooklyn in Berlin
Ruth und Daniel wohnen seit Oktober 2000 in der Schillerpromenade. Bevor die beiden nach Neukölln zogen, lebten sie im New Yorker Stadtteil Brooklyn. Beide sind Künstler und im Schillerpalais aktiv.
Wie fühlt ihr euch in der Schillerpromenade?
Daniel: ...Für uns ist die Schillerpromenade ein Kurort. Ich fühle mich hier rundum wohl. Es hat was Dörfliches, kleine Straßen, wenig Verkehr, du hörst Vögel zwitschern, Kinder spielen und am Flughafen scheint das Meer anzufangen.
Ruth:...Was mir in der Schillerpromenade gefällt, ist diese Normalität. Das habe ich in New York vermisst. Dort sind alle Menschen jung, dynamisch, gut aussehend und wollen Karriere machen. Hier sieht man auch alte Menschen, große Familien und sehr viele unterschiedliche Kulturen. Es ist nicht so getrennt, und es scheint gut zu funktionieren.
Die Schillerpromenade, ein Melting-Pot?
Daniel:...Hier wohnen unglaublich viele Nationalitäten, und es entsteht der Eindruck, dass keine Mehrheit existiert, die Neuankömmlinge nicht finster beäugt werden, sondern dass alle hier angekommen sind. In der Hinsicht ist Neukölln wirklich das einzige multikulturelle Viertel in Berlin. Das erinnert mich ein bisschen an Brooklyn.
Hat sich eure Kunst in Berlin verändert?
Daniel:...In Berlin kann ich besser arbeiten. Vielleicht liegt es daran, dass New York ein unglaublicher Zirkus ist. Man geht hin und fühlt sich wie auf Drogen. Es ist schwer, sein eigenes Ding zu machen, weil man so vielen Einflüssen ausgesetzt ist. Berlin ist zurückhaltender und springt dir nicht so ins Gesicht.








