html_5 Quartiersmanagement Schiller-Kiez: Gremium, Forum oder Stammtisch?
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Gremium, Forum oder Stammtisch? Das Schillament findet sein Format

Interview mit Joan Hoffmann

Teilhabe hinterfragen, überdenken, immer wieder aushandeln und vor allem erproben – Projektleiterin Joan Hoffmann spricht im Interview darüber, wie sich das Schillament als neues Beteiligungsformat im Kiez in einem gemeinschaftlichen Prozess gestaltet.

 

Liebe Joan, wie bist du zu deiner Tätigkeit beim Friedhofsverband bzw. dem Schillament gekommen?

In meinem Architekturstudium hat mich schon immer ein starker Fokus auf die Nutzer*innen begleitet. Meine Abschlussarbeit im Bereich Architekturpsychologie hat mein Interesse für soziale und integrierte Stadtentwicklung dann weiter geprägt. Nach dem Abschluss habe ich für ein Landschaftsarchitekturbüro gearbeitet, das eine eigene Beteiligungssparte hatte – das war allerdings eine sehr formale Art der öffentlichen Beteiligung, welche häufig als Pflichtbaustein gesehen wurde und demnach nicht immer ergebnisoffen war. Zum Friedhofsverband bin ich durch eine Bewerbung bei STATTBAU gekommen. Da meine Vorgängerin Viola Winterstein die Aufgabe des Schillaments kurzfristig aufgeben musste, sind wir spontan zusammengekommen. So hatte ich die Chance in das noch junge Projekt einzusteigen.

 

Wie würdest du das Schillament in wenigen Sätzen beschrieben? Was ist für dich die zentrale Idee des Projekts?

Im Rahmen der Verstetigung des Quartiersmanagements stellt sich natürlich die Frage, wie Beteiligung weiter gestaltet werden kann. Wie kann an die Strukturen Quartiersrat und Aktionsfondsjury angeknüpft werden? Die bürgerschaftliche Teilhabe und Mitgestaltung des Schillerkiezes sollen natürlich erhalten bleiben, in Form einer Art Schiller-Parlaments. Idee ist es, aus den vielen gesammelten Erfahrungen zu lernen, aber auch neue Akteur*innen und Interessierte zu aktivieren. Die Anliegen, mit denen sich bisher der Quartiersrat auseinandergesetzt hat, richtet sich jetzt also an die gesamte Kiezbewohner*innenschaft. Dabei wäre es wünschenswert in jeder Hinsicht die Diversität im Quartier abzubilden – kulturell und auch bezüglich des Alters und des Einkommens.

 

Gibt es schon Ideen, wie man diese Diversität erreichen könnte? Das ist ja häufig eine große Herausforderung – allein dadurch bedingt, dass es schwierig ist, Zeit für ehrenamtliches Engagement aufzubringen.

In Bezug auf verschiedene Formen der Ansprache sind wir tatsächlich noch in den Kinderschuhen. Da muss man sich die Frage stellen: Welcher Ton ist eigentlich der richtige, welche Kanäle und Kommunikationswege sind sinnvoll? Was sind Möglichkeiten einer niedrigschwelligen, einladenden Aktivierung, sodass auch Berufstätige oder anders Vielbeschäftigte einen Rahmen sehen, in dem sie sagen: „Das ist mir möglich“. Eigentlich will ich auch bezüglich der Ansprache und der regelmäßigen Treffen nichts von oben herab vorgeben, sondern dialogbasiert einen Modus erarbeiten. Bis hin zum Beschlüsse fassen gibt es da viele Entscheidungen zu treffen. Wir schauen uns natürlich Referenzbeispiele und -projekte an.

 

Welche Beispiele gut funktionierender Beteiligungsgremien können da als positive Referenzen dienen?

In Münster gibt es z.B. ein Projekt zum Hansaforum, welches guerillaartig vorgeht und Einladungen ganz breit im Quartier streut. So erreichen sie durch Postwurfsendungen auch Leute, die noch nichts vom Projekt mitbekommen haben. Ich finde eine gute Variante ist auch, Leute einfach im öffentlichen Raum anzusprechen und offensiv auf bestimmte Gewerbe und Gastronomie zuzugehen. Ich habe die Hoffnung auch Menschen zu erreichen, an denen die bisherige QM-Arbeit aus irgendwelchen Gründen vorbeigegangen ist.

Als weiteres Berliner Beispiel dient der Wrangelkiezrat, der ebenfalls aus einer Verstetigung hervorgegangen ist. Er ist als Verein organisiert und trifft sich in regelmäßigen Abständen. Die Gruppe aus rund 20 Aktiven bespricht quartiersrelevante Themen und setzt kleinere Projekte um, welche teilweise durch Sachmittel des Bezirks finanziert werden.

 

Wie sieht dein Arbeitsalltag im Moment aus? Welche Aufgaben stehen bei dir gerade an?

Momentan ist es wirklich noch ein Vorstelligwerden und Bekanntmachen des Projekts. Ich lerne Kiezakteur*innen, Ansprechpartner*innen und Interessensgruppen kennen. So habe ich zum Beispiel durch den Quartiersrat die Kinderwelt am Feld kennengelernt oder vom Gewerbeverein Selbst und Ständig gehört. Da werde ich auf jeden Fall weiter in Einzelgesprächen mit den Akteur*innen bleiben. Natürlich befrage ich auch die Quartiersrät*innen selbst wie sie ihre Möglichkeit sehen, sich einzubringen.

 

Was nimmst du diesbezüglich für ein Stimmungsbild wahr? Gibt es Interesse weiterzumachen?

Es gibt einige, die sich vorstellen können, weiterzumachen. Diese Information basiert auf der Arbeit meiner Vorgängerin. Eine Rückmeldung war dennoch, dass es sich aus zeitlichen und organisatorischen Gründen schwierig gestaltet hat, am Quartiersrat teilzunehmen. Da ließe sich überlegen, welcher Austausch das noch besser auffangen könnte. Und der dritte Baustein ist wie bereits erwähnt, sich mit anderen verstetigten Beteiligungsgremien zu vernetzen. Da ist neben dem Wrangelkiez auch das Stadtteilforum Tiergarten-Süd zu nennen.

 

Am 10. Dezember findet ja bereits die letzte Quartiersratssitzung statt und somit die offizielle „Übergabe“ der Beteiligung an das Schillament. Was ist für diesen Abend geplant?

Am Abend selbst steht im Fokus den Aktiven und ehemals Aktiven aus Quartiersrat und Aktionsfondsjury explizit einen Dank auszusprechen und einen Rückblick auf die vielen dadurch auf den Weg gebrachten Projekte zu geben. Darüber hinaus soll ganz bewusst die Einladung ausgesprochen werden, sich auch in der neuen Beteiligungsphase des Schillaments gestaltend miteinzubringen. Mein Wunsch wäre, dass anregend und phantasievoll diskutiert wird, wie in Zukunft mitgeredet werden kann. Natürlich wird die Kiezkapelle als ein erstes verortendes Zuhause des Schillaments vorgestellt, was aber nicht heißt, dass immer alle Veranstaltungen dort stattfinden müssen. Schöner wäre es, wenn das Schillament auch mobil im Kiez unterwegs sein könnte. Schlussendlich wird natürlich auch das erste Auftakttreffen des Schillaments im nächsten Jahr angekündigt. Der 100. Quartiersrat wird aber auch wichtig sein, um zu sehen, welche Gruppen nicht vertreten sind, um diese dann gezielt anzusprechen. Und natürlich auch, um auszuloten, welcher Input für die weitere Aufbauarbeit benötigt wird (z.B. zur Organisationsform und den rechtlichen Grundlagen), der dann in zukünftigen Workshops bearbeitet werden kann. Wird es ein Gremium, Forum oder Stammtisch sein? All das muss darauf abzielen, dass das Schillament auch selbstorganisiert weiter funktionieren kann, sobald meine Rolle als Starthilfe wegfällt.

 

Wenn man sich die letzten 15 Jahre Quartiersrat und Aktionsfondsjury ansieht – was sind die größten Herausforderungen aber vielleicht auch die größten Chancen dieses Neustarts?

Wie bei jedem Neustart ergibt sich gerade die Chance noch einmal tagesaktuell nach Bedarfen zu sehen, die diese Nachbarschaft hat. Es lohnt sich zu schauen, welche Themen über die Zeit relevanter geworden sind und somit mit größerem Schwerpunkt behandelt werden sollten. Viel stärker in den Fokus gerückt sind z.B. Themen, die sich mit Umwelt befassen. Selbstwirksamkeit durch kleine Aktionen spielt eine große Rolle. Auch die Entwicklungen der Friedhofsflächen wird für die zukünftige nachbarschaftliche Entwicklung sehr prägend sein. Durch die Funktionsmischung der Grabpflege auf St. Jacobi, welche häufig von älteren Personen erledigt wird, und den Gartenangeboten für alle Kiezbewohner*innen, die gerade auch Familien ansprechen, ergibt sich da ein vielfältiger Austausch.

 

Auf welche Aufgabe freust du dich gerade am meisten?

Ich freue mich sehr auf die Kapelle als nachbarschaftlichen Ort, der zur Anlaufstelle für Aktive und Interessierte, aber auch für Verärgerte oder Unzufriedene werden soll. Vor Ort werden tolle projektbezogene Kooperationen mit den Prinzessinnengärten und Campus Cosmopolis möglich sein. Ich freue mich darauf, Teilhabe noch einmal gemeinsam zu hinterfragen, zu überdenken, auszuhandeln und zu erproben. Das Schillament ist für mich etwas Offenes und Gestaltbares – ich hoffe darauf, dass unterschiedlichste Menschen mit ihrem Blickwinkel etwas dazu beitragen.

 

Das Gespräch führte Alina Schütze im November 2019.