html_5 Quartiersmanagement Schiller-Kiez: Interview mit dem Prinzessinnengarten
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Ein Ort für die ganze Nachbarschaft - Der Prinzessinnengarten auf dem Neuen St. Jacobi Friedhof ist in Gefahr

Hanna Burckhardt im Interview

Vor gut zwei Jahren zog Nomadisch Grün als Trägerorganisation des Prinzessinnengartens vom Kreuzberger Moritzplatz auf den Neuen St. Jacobi Friedhof im Schillerkiez. Seitdem wird hier ein Gemeinschaftsgarten gepflegt, es gibt Aktionstage und viele Mitmach-Projekte für die ganze Nachbarschaft. Seit einigen Monaten ist die Existenz des Kollektivs auf dem Friedhofsgelände bedroht, darüber berichtete unter anderem der Tagesspiegel.

Hanna Burckhardt ist seit fünf Jahren im Prinzessinnengarten aktiv und koordiniert die Bildungsangebote und Aktivitäten für das Kollektiv. Über ein Praktikum kam sie damals dazu und ist heute fest angestellt. Wir haben mit der Humanökologin über die Gefahr der Verdrängung gesprochen und warum die Gärten ein wichtiger und erhaltenswerter Ort für den ganzen Kiez sind.

 

QM: Noch zur Vorgeschichte – wie kam es zu einem Friedhof als neuen Standort für den Prinzessinnengarten?

Hanna: Die Entwicklung der Friedhofsflächen gestaltet sich seit Jahren so, dass es viele Überhangsflächen gibt. Einige Friedhofsflächen werden nicht mehr gebraucht, weil die Bestattungszahlen sich verändern. Generell die Bestattungskultur wandelt sich sehr – in den letzten 30 Jahren gab es einen Trend zu mehr Urnenbestattung. Mittlerweile sind das ungefähr 80 Prozent und nur noch 20 Prozent Erdbestattungen in Särgen. Damit verringert sich auch die belegte Fläche auf Friedhöfen und so entsteht eine große Nachfrage an grünen Nachnutzungsmöglichkeiten.

 

QM: Welche Schritte sind dann nötig, die Nachnutzung festzulegen?

Hanna: Der Evangelische Friedhofsverband Berlin Stadtmitte, der unter anderem diesen Friedhof verwaltet, hat sich dazu entschieden, den Friedhof langfristig zu schließen. Das beginnt dann erst mal damit, dass es keine weiteren Bestattungen mehr vor Ort gibt. Um ein Konzept zu entwickeln und in die Tat umzusetzen, was stattdessen mit der Fläche passieren soll, wurde ein BENE-Antrag (Berliner Programm für Nachhaltige Entwicklung) gestellt. In diesem Rahmen wurden wir angefragt, ob wir hier ein Modellprojekt starten wollen, wie man Gemeinschaftsaktivitäten in einen noch laufenden Friedhofsbetrieb integrieren kann.

 

QM: So kam es zu dem Umzug des Prinzessinnengartens von Kreuzberg nach Neukölln?

Hanna: Dann haben wir 2018 hier auf der Fläche angefangen. Das war so perspektivreich und das Potenzial so hoch, dass wir mit Nomadisch Grün nach Neukölln umgezogen sind. Die Fläche ist sehr groß mit 7,5 Hektar im Vergleich zu 6000 Quadratmetern am Moritzplatz. Es ist ein ganz anderer Naturraum, der mitten im Kiez liegt und es gibt eine direkte Anbindung an die Kiezbewohner*innen. Der Unterschied zum Standort am Moritzplatz ist sehr groß, da dort ja ein eher touristisches Zentrum ist.

 

QM: Wie kam es zu dem Konflikt mit dem Umwelt- und Naturschutzamt?

Hanna: Das Amt hat dem Friedhofsverband als Trägerin eine Rückbauanordnung gestellt. Die betrifft einen Geräteunterstand, zwei Bauwägen für unsere Bildungsarbeit, den Gemüseacker, Schallschutzwände und eine Komposttoilette. Unter anderem führt das Amt das Argument an, dass die genannten Dinge einen erheblichen Eingriff in das Landschaftsbild bedeuten würden bzw. es beeinträchtigten. Auch geht es darum, dass, laut Amt, Eingriffe in das Landschaftsbild vorgenommen worden seien, ohne dass vorher eine Diversitätskartierung stattgefunden habe. Das ist aber vorher schon passiert. Und weiter lautet der Vorwurf, dass einige Dinge nicht genehmigt worden seien, wie zum Beispiel die Komposttoilette.

 

QM: Welche Konsequenzen hat die Anordnung für den Prinzessinnengarten?

Hanna: Die Rückbauanordnung beeinflusst direkt unsere Arbeit hier vor Ort. Gar nicht mal, weil wir ohne diese Komposttoilette nicht arbeiten könnten. Doch eher der Umstand, dass wir hier ganz genau beobachtet werden. Es ist auch so, dass in regelmäßigen Abständen Leute vorbeikommen, die dokumentieren und Bilder machen, von dem, was wir hier tun. Das ist ein sehr unschönes Gefühl unter ständiger Beobachtung zu stehen. Und es ist einfach keine gute Perspektive zu wissen, dass unsere Arbeit immer wieder beanstandet werden kann. Im schlimmsten Fall kann diese Rückbauanordnung auch existenzbedrohend für uns werden aus dem einfachen Grund, dass so ein Rückbau mit hohem finanziellen Aufwand verbunden ist. Und außerdem, weil uns dann Lagermöglichkeiten fehlen bzw. ohne den Gemüseacker unserer Arbeit ein wichtiger Teil unserer Bildungsfunktion fehlen würde.

Als Absurdität kommt dazu, dass es das Umwelt- und Naturschutzamt ist und wir ein Projekt sind, das gerade durch Umweltbildungsaktivitäten für Umwelt- und Naturschutz und Biodiversität ein Bewusstsein schaffen. Das heißt, wir haben ähnliche Ziele und uns erschließt sich daher nicht, warum nicht in einer lösungsorientierten und kooperativen Art und Weise mit uns zusammengearbeitet wird.

 

QM: Der Prinzessinnengarten soll ein Ort für den ganzen Kiez sein. Wie sieht eure Arbeit hier aus? Was gab es seit 2018 hier für Projekte?

Hanna: Ganz am Anfang haben wir an offenen Aktionstagen die Blumenhütte restauriert und ausgebaut. Wir haben 2018 die ersten Hochbeete auf der Gemeinschaftswiese aufgebaut, auf der stehen inzwischen bis zu 100 Stück. Es wurde ein Gemüseacker angelegt und eine Pflanzenkläranlage gebaut. Seit Beginn gibt es alle drei Wochen einen Aktionstag. An den offenen Aktionstagen nehmen wir uns immer größere Projekte vor. Anmeldungen und Vorkenntnisse sind nicht notwendig, alle können kommen. Dann wird zum Beispiel der Gemüseacker bewirtschaftet, Rankgerüste werden gebaut, die Flächen einfach gemeinsam gestaltet.

Ähnlich passiert das sowieso wöchentlich in unseren offenen Gartenarbeitstagen montags, mittwochs und freitags an den Nachmittagen. Das ist auch ohne Anmeldung und eine sehr schöne Möglichkeit, den Garten kennenzulernen bzw. ein schöner Einstieg in die Gartengemeinschaft. Man verpflichtet sich nicht und lernt gleichzeitig das Team kennen. Einige Leute kommen dann ganz unabhängig von den Gartenarbeitstagen vorbei und schauen, wie sehen die Beete aus, muss gegossen werden etc.

 

QM: Arbeitet ihr sonst noch mit den Bewohner*innen aus dem Kiez zusammen?

Hanna: Wir haben hier ein wöchentliches Gartentreffen, jeden Freitag um 13 Uhr. Das ist offen für alle, die eine Projektidee haben. Leute, die zum Beispiel hier mal eine Veranstaltung machen möchten oder die selbst Workshops geben. Diese können dann vorgestellt werden und so werden die Flächen noch mal mit mehr gemeinsamen Aktivitäten und Projekten gefüllt. Es ist ja ein Ort für die Nachbarschaft, die sich diesen auch ganz aktiv gestalten und aneignen kann.

 

QM: Um auf dem Neuen Friedhof St. Jacobi dauerhaft bleiben zu können, habt ihr eine Petition gestartet…

Hanna: Die Petition zielt darauf ab, dass wir unsere Arbeit hier langfristig und von allen gewünscht machen können. Also dass eine gute Zusammenarbeit mit den Behörden möglich sein soll, mit dem Umwelt- und Naturschutzamt im Besonderen.

Um uns zu unterstützen, kann auf jeden Fall die Petition unterschrieben werden. Sehr gerne können die Leute auch teilen, warum dieser Ort hier wichtig ist, was er und auch unsere Arbeit dem Kiez gibt und bringt.

 

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Eva Schneider für das Quartiersmanagement Schillerpromenade im Juni 2020.

 

Mehr Infos: prinzessinnengarten-kollektiv.net

 

Bildnachweis 1 und 2: Prinzessinnengarten Kollektiv Berlin / nomadisch grün

Bildnachweis 3: QM